Alltag

„Ich habe nichts gegen Schwule, die sind toll, aber ich möchte keinen als Kollegen.“ Das war die Aussage einer ehemaligen Kollegin von mir. Ich habe dieses Zitat gewählt, weil es besonders gut zeigt, wie pseudotolerant unsere Gesellschaft ist. Vorne hui, alles toll und hintenrum „guck mal die scheiß Schwuchteln da.“

Was ich hier beschreibe sind ein paar der Vorfälle aus den beiden letzten Monaten.

Es war Weihnachtsmarkt in Ludwigshafen, einer Stadt mit mehr als 160 000 Einwohnern, von der man ausgehen sollte, dass eine gewisse Toleranz existiert, als ich seit langer Zeit daran erinnert wurde, wie verkorkst diese Gesellschaft ist.

Wir, mein Freund und ich, wurden von gefühlt allen Leuten begafft. Es wurden Nasen gerümpft oder sich direkt verächtlicher Gesten und Mimik bedient. Dabei blieb es jedoch nicht. Uns wurde „Schwuchteln“ hinterhergerufen, oder auch Späße, wie Autofahrer, die anhalten, um besonders gut gaffen zu können.

Mein Freund erhielt auch immer wieder Anrufe, in denen er aufs übelste beleidigt wurde, weil er ist, wie er ist. Selbstverständlich hatte der Anrufer die Nummer unterdrückt.

Es kam eine Party, bei der mein Freund zwangsgeoutet wurde, weil einer seiner Freunde die Klappe nicht halten und die Entscheidung meinem Freund überlassen, konnte. Direkt haben sich einige seiner „Freunde“ von ihm separiert. Wird man zu einem anderen Menschen, wenn andere auf einmal davon wissen? Ich glaube kaum.

Es ging weiter, es kam eine weitere Party. Bei dieser rief einer der Gäste an meinen Freund gerichtet: „Hängt die Schwuchtel auf!“ – Es hat KEINEN der anderen Gäste auch nur interessiert!

Medienwechsel.

Twitter: sicherlich habt ihr mitbekommen, dass in letzter Zeit die Aufschrei Debatte durchs Netz geisterte. Meine Hinweise, dass es noch andere Menschen, als Frauen gibt, die unter heftigster Diskriminierung zu leiden haben, wurden ignoriert. Teilweise wurde ich dafür auch angefeindet. Dennoch konnte ich ein paar Diskussionen anregen.

In diesen Diskussionen wurde mir von anderen Menschen, die auch meinten, dass z.B. Schwule und Lesben massiv angegangen werden und eine Öffentlichkeit brauchen, berichtet, dass sie ebenfalls angefeindet wurden. Teilweise wurde ihnen auch derailing vorgeworfen.

Im folgenden Verlauf konnte ich dann auch einen Medienvertreter in für die Diskussion gewinnen. Das Schlimme an der Diskussion war nicht die Diskussion mit dem Medienvertreter, sondern dem, was drumherum geschah. Dass man sich seitens der Medien kaum dafür interessiert, ist leider nachvollziehbar, bringt keine Einschaltquoten. Es mischten sich immer mehr Leute in die Diskussion ein, soweit so gut, ich mag Diskussionsrunden. Was dann geschah … mir wurde teils von Leuten gesagt, ich solle mich nicht so haben und das wäre alles nicht so schlimm. Wir erinnern uns? „Hängt die Schwuchtel auf!“ und NIEMAND greift ein? Es folgten sogar großartige Ratschläge. Wir sollen uns organisieren. Ich dachte, das wären wir bereits? Es gibt den LSVD, es gibt diverse Stiftungen, es gibt die CSD usw. was fehlt ist die öffentliche Sensibilisierung bei dem Thema!

Funfact am Rande: Die Feiern beim CSD hatten mal den Ursprung, dass Schwule und Lesben der Polizei, die damals willkürlich gewalttätige Razzien zur Diskriminierung durchgeführt hat, solange Paroli geboten hat, bis die Polizei schließlich eingeknickt ist.  (Link)

Am Rande der Aufschreidebatte haben Queermenschen den Tag Queeraufschrei zum Leben erweckt. Die dort geschilderten Vorfälle haben gefühlt kaum jemanden auch nur interessiert. In den Medien kam keinerlei Resonanz. Die Aktion „Bruderkuss“ bei der vor der russischen Botschaft gegen die neue Gesetzgebung gegen Homosexuelle in Russland demonstriert wurde, wurde nur in sehr wenigen Queermedien aufgegriffen.

Zurück ins reale Leben: Es war dieses Wochenende, als wir wieder unterwegs waren. Es kamen wieder die alltäglichen Rufe „Schwuchtel“ und schlimmeres. Interessiert hat sich niemand dafür. Es ging jedoch weiter. Wir waren in einer vollbesetzten Straßenbahn, als wir von einem *zensiert* aufs heftigste beschimpft wurden. Selbstverständlich hat sich NIEMAND in der vollbesetzten Bahn dafür interessiert.

Solltet ihr in eurem Umfeld ebenfalls erleben, wie andere Menschen angefeindet, bedroht usw. werden, weil sie nicht dem Bild einer heteronormativen Gesellschaft entsprechen, greift ein, wir danken es euch.

Als Abschluss noch ein kleines Lied, das zwar nicht gesanglich oder musikalisch überzeugen kann, dafür mit einer großartigen Story. Youtube

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Über suppenkelle

Ordentliches Mitglied der Piratenpartei.
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5 Antworten zu Alltag

  1. Kenny schreibt:

    Ehrlich gesagt habe ich in Mannheim – einmal rüber über den Fluss – soetwas in meinen 3 Studienjahren nie erlebt.

    • suppenkelle schreibt:

      Ich erlebe das leider jeden Tag, wenn ich in Mannheim bin, auch dort 😦

      • nettinrw74 schreibt:

        Sätze wie: Ich zeig euch,dass Sex mit dem anderen Geschlecht auch schön ist,überhöre ich schon. Aber am schlimmsten fand ich den Spruch eines Herren (Ca. 65-70): Zu Hitlers Zeiten hätts das nicht gegeben… Ich bin nicht auf den Mund gefallen,aber da fiel mir nix mehr ein.

  2. fritzletsch schreibt:

    Und ich sag nur: Heterosexialität ist heilbar!

  3. Gaby Unbekannt schreibt:

    Mich berühren solche würdelosen Verhaltensweisen immer, egal ob sie schwulen Männern, „Behinderten“ oder dicken Frauen entgegengebracht werden. Nichts ist vergleichbar, alles ist gleichschlimm. ICH mache den Mund auf, egal welcher Mensch verletzt so wird. Ich hebe aber auch keine solcher Situationen hervor, auch keine mit schwulen Männern, weil diese für mich nichts Besonderes sind, nichts Besonderes hinsichtlich ihres Schwulseins; durchaus aber etwas Besonderes hinsichtlich Menschsein…
    Gruß LadyUnbekannt

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